Ein Brief an Deutschland

Liebes Deutschland!
Ich weiß nicht, wie man so was am besten sagt, deshalb fang ich einfach mal an. Du bist nervig. Vielleicht kommt es ja daher, dass wir uns ziemlich eng auf der Pelle hocken. Und dann immer diese Fragen, die, wenn du ehrlich bist, meistens von dir kommen: Wo wohnst du? Wo willst du hin? Wie viel Geld verdienst du eigentlich? Krieg ich da auch was von? – Ich krieg da was von! Was machst du da im Internet? Kann ich mal deinen Ausweis sehen? Bleib mal stehen! Dreh dich mal um! Guck mal ohne zu lächeln hier rein. Aha. Mhm. Oha. Da fehlt noch was, reichen Sie das bitte innerhalb von drei Tagen nach. Fährst du Auto? Bezahlst du dafür Geld? Achja, an mich. Gut. Weiter so. Schön fleißig sein bei der Arbeit! Gehst du auch mal zur Vorsorge? Und wann kriegst du mal Kinder? Ohne Kinder geht’s ja nicht. Ohne Sicherheit auch nicht! Ich mag Sicherheit. Also: Wo wohnst du?
Da ist es ja mal ganz klar, dass ich weg muss. Also flieg ich weg. Man kann nämlich nicht gerade sagen, dass du ständig ein auf gutes Wetter machst. Dann lieg ich in der Sonne und denk nicht an dich, schlürf am Strand einen Drink, den ich mir hab´ bringen lassen und hab´ eine dicke Sonnenbrille auf, die ich zwischendurch mal geputzt bekomme. Kriege zu essen, habe jeden Tag ein frisches Bett und klares, kühles Wasser an meinen Füßen, wenn ich mich auf Befehl an den Strand tragen lasse. Manchmal verlasse ich sogar die Hotelanlage und begebe mich in die Stadt. Das ist meistens nicht so clever. Auf dem Markt sehe ich keine Kartoffeln, zu probieren gibt es nichts, was einen nicht von innen verbrennt, und ich habe das Gefühl, dass die umgerechnet fünf Euro für die 0,25 L Wasserflasche irgendwie unangemessen waren. Naja, gesagt habe ich trotzdem nichts. Beim Gang durch die unklimatisierten Gassen der Stadt zwingt mich die Sonne bald in die Knie. Hundertwasser ist gar kein Ausdruck. Ich versuche mit Fremden zu sprechen und hoffe, dass sie mir zeigen können, wo hier Taxis stehen. Oder zumindest Busse. Aber ich muss mich alleine schleppen.
Nach einem räudigen Tag liege ich wieder in meinem klimatisierten Zimmer auf dem frischen Bett und könnte eigentlich wieder nach Hause. Denn da komme ich wenigstens mit deinem Wetter klar. Weiß wo bei dir ich was finde – und wenn nicht, kann ich wenigstens auf Leute treffen, die mich verstehen. Ich vermisse dich dann manchmal ein bisschen. Heine hatte Recht mit den heißen Tränen. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob hier die Klimaanlage eben kaputt gegangen ist und mir deshalb so warm ist. Ich also wieder nach Hause. Der Airbus-Flieger lindert auf dem Weg zurück schon das Heimweh.
Ich komme an und das erste was ich mache: ich entschuldige mich bei dir – indem ich sofort meine Steuererklärung mache und mit einer roten Riesen-Schleife abschicke. Denn mir fiel irgendwie auf, dass ich auf dem frischen Bett lag, ohne es bezogen zu haben und musste daran denken, dass ich eigentlich für niemanden bisher ein Bett bezogen habe. Ich es vielleicht nie musste, weil ich eben ständig mit dir bin. Mmhh. Vielleicht sind wir nicht immer einer Meinung. Oft ist es ja sogar so, dass wir zwar reden, aber irgendwie kein richtiges Ergebnis dabei rumkommt. Eventuell ja auch, weil vielleicht nicht alles, was so zerrissen wird, zum Zerreißen ist. Aber wie auch immer. Ich werde mich mal etwas mehr um dich kümmern. Zumindest könnte ich dir mal eine Rückmeldung für das geben, was ich bisher so von dir mitbekommen habe. Mmmhh. Wie mach ich das wohl am besten? Der Gesellschaft die Hand schütteln ist irgendwie schwierig; was soll ich da denn schütteln? Vielleicht ja irgendwie eine schöne symbolische Geste.
Vielleicht kann ich dir einen lieben Brief schreiben? Aber wer kann den dann wo lesen? Und malen – soll ich dir was malen? So abstrakte Sachen kann ich ganz gut. Wie z.B. zwei Striche, die übereinander liegen. Das sieht dann aus wie ein Kreuz. Echt der Wahnsinn. Das Kreuz sollte ich dahin malen, wo es viele sehen und wo es beachtet wird. Mmmmh. Also wann kümmert sich jemand um mein Kreuz und wie kommt es dann auch noch in die Öffentlichkeit, also in die Nachrichten, oder so? Und wo kann man sich legal beim Kreuzmalen ordentlich austoben? Da fällt mir tatsächlich nur die Wahl ein. Da sieht mein Kreuz nicht nur gut aus, sondern bewirkt an unextremistischen Stellen sogar noch was Gutes. Wann und wo ich´s male? Naja. Du erinnerst mich ganz lieb mit einem Brief. Schön, wenn du an mich denkst. Wir hocken jetzt zwar wieder so lange auf der Pelle, bis es nervt. Aber ehrlich gesagt gehört das irgendwie zu uns und ich mag das. Lass dich nicht unterkriegen, ich steh´ dir zu Seite, auch wenn ich zwischendurch mal kurz eine Pause brauche.
Die liebsten Grüße!
Mark-Oliver Casper
Berlin, September 2009
Nachtrag vom 18. Juni 2010: Wir suchen aktuell weltweit Menschen, die einen persönlichen Brief an Deutschland schreiben! Die Briefe sollten handschriftlich und auf privatem Briefpapier verfasst werden. Rückfragen an: eysoldt@farbwerte.com

