Wolfgang Nowak
“Andere Nationen gehen unbefangener mit ihren Fahnen um als vielleicht die Generation der Deutschen, der ich angehöre.
In Regimentsmuseen werden in Schreinen die Fahnen aufbewahrt, manchmal befleckt mit dem Blut von stolzen Leutnants, die in den verschiedenen Schlachten, die aufzuzählen mir schwer fällt, sterbend mit ihrem Körper die Fahne geschützt haben. Ihr Leben gaben sie für die Fahne, wie auch Fahnenflüchtige, die vor ihr davon gelaufen waren. Die Fahne flatterte meinen Vorfahren voran, mit der sie in die Schlachten des Ersten Weltkrieges gezogen sind. Die Hakenkreuzfahne wurde zum Symbol von Vernichtung und Mord.
Im „Stern“ sehen wir mit Fahnen bedeckte Särge Gefallener. Ein kleiner Junge berührt die Flagge, die den Sarg des Vaters bedeckt. Er darf sie mit nach Hause nehmen.
Als Leutnant habe ich vor der Fahne stehend an Rekrutenvereidigungen teilgenommen. Bei Stabsrahmenübungen habe ich gelernt, was in den Zeiten des Kalten Krieges ein heißer Krieg für die Rekruten bedeutet hätte.
Die Fahne verbirgt den Tod. Ein Heldentod, zu dem die Fahne gehört, will uns suggerieren, man könne ihn sterben und danach weiterleben.
Bei deutschen Politikern ist es seit langem Mode, hinter dem Schreibtisch die Nationalflagge zu zeigen. Das unbewusste Unbehagen verbirgt man mit einer Europafahne, die man dazu stellt.
Ich bin skeptisch gegenüber dem, was Fahnen verbergen. ”
Wolfgang Nowak, Oktober 2009
Foto: Frank Rösner und Robert Eysoldt

