Olaf (Gemse) Kretschmar: “Das Nationale neigt nicht nur dazu, überschätzt zu werden…”
“Schwarz Rot Gold und wir sind ein Volk? Trotzdem und bei aller Glückseeligkeit: Das Nationale neigt nicht nur dazu, überschätzt zu werden, sondern auch als Instrument ganz partikulärer Interessen herhalten zu müssen. Ich misstraue allzu umfassenden Ansprüchen und ihren Gralshütern.
“Natio” – lat. Geburt – heute “Nation Building” steht für einem historischen Prozess, der in unseren Gefilden zwischen 1800 und 1989 relevant war. Zwischendurch ist das mehrfach krass aus dem Ruder gelaufen.
Im deutschen Rahmen haftete dem Projekt stets der Ruch von Willkür an und obendrein war es in der Tat von Anfang an verflochten mit befremdlichen Implikationen. Einer missionarischen Hybris – dem Glauben, was Besseres zu sein – Fatamorgana aus Allmacht, Auserwähltheit und Beglückungssehnsucht. Das ganze Paket mündet schließlich in einer genuinen Fremdenfeindlichkeit, die bis heute in der deutschen Provinz präsent ist.
Diese volkstümliche Eigenheit ist mir zutiefst fremd. Wenn es überhaupt einen solch großkollektiven Zusammenhang geben soll, dann ist er bei mir eher regionaler Natur: sächsische Wurzeln, barock-emotionale Basis plus preussisch liberaler Vernunft.
Meine Nation heißt Berlin. Hier ist die Wahrscheinlichkeit hoch, Gleichgesinnte zu treffen. In dieser toleranten, rasanten Stadt mit Einflüssen aus aller Herrgotts Länder leben und arbeiten zu können, reicht mir als Bezug völlig aus.”
Olaf (Gemse) Kretschmar (Berlin Music Comission) für Farbwerte, Januar 2010.
Foto: Frank Roesner und Robert Eysoldt
Für die Ausstellung auf Hahnemühle FineArt gedruckt.


