03
Okt

Jo Groebel, Medienpsychologe über Farbwerte:

„Flaggen, Symbole, Logos reduzieren die vielfältigen inneren Bilder und Assoziationen, die man mit einem Land verbindet, auf eine einfache visuelle Formel. Nicht zufällig stehen sie für den Stolz, wenn sie an der Spitze eines Aufmarsches voran getragen werden. Genau so reizen sie die Wut, wenn dem durch sie Repräsentierten mit Abneigung begegnet wird. Gerade die Flagge ist in ihrer Einfachheit immer auch Auslöser von Emotionen, lässt sich zum Zusammenhalt aufpflanzen, zur Abkehr verbrennen. Die Sinnzusammenhänge hinter ihren meist abstrakten Farben und Formen erschließen sich dabei kaum einen.

Deutschland hat sich seit Jahrzehnten besonders schwer mit seinen Symbolen getan. Nicht nur musste jede noch so indirekte Erinnerung an die verbrecherische Zeit des so genannten Dritten Reichs getilgt werden. Der perfektionierten Bildsprache der Nazis mit ihren fatalen Suggestivkräften musste für sehr lange Zeit die Symbollosigkeit entgegengesetzt werden. Schon dem bloßen Zeichen, jedem repräsentierenden Zeichen wurde zutiefst misstraut.

Doch die Zeiten heilen zwar keine Wunden, erlauben aber wieder einen vorbehaltloseren und verdachtslosen Umgang mit der Welt nationaler Symbole. Das Land führte sogar den Tapferkeitsorden wieder ein.

In dieser Übergangsphase von Tabu und neuer Offenheit ist ein künstlerisches Flaggenprojekt der richtige Impuls. Es erlaubt jede Reaktion auf das Symbol, lockt Gefühle hervor, zeigt die Bandbreite des denkbaren Umgangs mit der Flagge. Und so mit Deutschland. Zwanzig Jahre nach der fröhlich und skeptisch begrüßten Vereinigung ist das Projekt damit auch Signal für eine neue Ära. Mindestens der Bewertung nationaler Zeichensysteme. Vielleicht der Freude an unserem Lande.“

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