25
Nov

Henryk M. Broder

Rede von Henryk M. Broder anlässlich der Konferenz “Denk ich an Deutschland”, die am 25. November 2009 in Berlin stattfand.

Meine Damen und Herren, liebe Kollegen und Freunde,

ich danke Ihnen für die Einladung zu dieser Konferenz und für die Gelegenheit, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Zwar verbietet es mir meine Religion, vor zehn Uhr morgens aufzustehen und das Haus zu verlassen, aber in Ihrem Fall habe ich gerne eine Ausnahme gemacht. Als Beute-Deutscher, der im Alter von 12 Jahren eingemeindet wurde, habe ich zu Deutschland natürlich ein ambivalentes Verhältnis. Ich würde nie von mir behaupten, dass ich ein stolzer Deutscher wäre, andererseits muss ich mich nicht täglich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und Vergangenheitsbewältigung betreiben, wie es viele Deutsche geradezu zwanghaft tun. Mein ist die Gegenwart und die Zukunft. Es ist mir egal, ob die deutsche National-Elf die WM oder auch nur ein Freundschaftsspiel gegen die Auswahl von Gabun gewinnt, dafür freue ich mich, wenn ein Deutscher einen Nobelpreis bekommt oder mit den Amerikanern in den Weltraum fliegt. Und wenn ich am Pariser Platz bei Starbucks auf der Ostseite des Brandenburger Tores sitze und in westliche Richtung schaue, dann kann ich mir ein Gefühl der klamm-heimlichen Freude nicht verkneifen: wir sind wieder wer, auf eine entspannte, freundliche und vollkommen unaggressive Art und Weise.

Wer immer die Idee hatte, zur Vereinigungsfeier am 9. November Placido Domingo den Gassenhauer „Das ist die Berliner Luft“ singen zu lassen, der hat damit das Programm der Berliner Republik formuliert. Mögen die Franzosen am 14. Juli ihre Armee aufmarschieren lassen, wir singen die Berliner Luft und loben die Berliner Curry-Wurst. Das mag nicht unbedingt ein Beleg für die Dominanz der Hochkultur sein, aber es ist der Beweis für das Voranschreiten der Zivilisation.

Denke ich an Deutschland, denke ich zuerst einmal an meine Eltern, die nur zwölf Jahre nach dem Ende des Krieges Polen verlassen haben und über Wien nach Köln gezogen sind. Nicht als Botschafter guten Willens, nicht um den Deutschen die Hand zur Versöhnung zu reichen, sondern um dem Kommunismus mit allen seinen Miesigkeiten zu entkommen, vom Antisemitismus bis zu den Zahnschmerzen, die ohne lokale Betäubung behandelt werden mussten, weil es die dazu nötigen Mittel nicht oder nur auf dem Schwarzmarkt gab. Und dann empfinde ich gegenüber meinen Eltern, mit denen ich bis zu deren Tode gehadert und gekämpft habe, eine tiefe Dankbarkeit. Sie haben mich davor bewahrt, in einem Land aufzuwachsen, in dem es 40 Jahre lang weder Mozzarella noch Mortadella gab, keine Schokolade von Anthon Berg und keine Chance, nur mal so zum einkaufen und flanieren nach Maastricht oder Amsterdam zu fahren. Keinen Hans-Dieter Hüsch und keinen Oswalt Kolle, keinen Wolfgang Neuss und keinen Fritz Teufel, der mit seinem legendären Satz „Wenn es der Wahrheitsfindung nützt“ das Aufstehen vor Gericht zur ersten Pflicht des Anarchisten erklärt hat.

Noch heute, mehr als 50 Jahre nachdem wir Polen verlassen haben, träume ich, wir wären in Polen geblieben. Wenn ich dann Schweiß gebadet aufwache, schalte ich sofort das Fernsehen ein, und wenn sich dann Harald Schmidt meldet, weiß ich, es war nur ein Alptraum. Allerdings: ist es die zwölfte Wiederholung des Heimatabends der Volksmusik mit Florian Silbereisen, geht der Alptraum munter weiter.

Meine Damen und Herren, ich bin eben von meiner zweiten Reise nach Indien zurück gekommen und stehe noch ganz unter dem Eindruck einer Gesellschaft, die ihren Reichtum ebenso ungeniert präsentiert wie ihre Armut und die nur eine Richtung kennt, in die sich bewegt: nach vorne. Mitten in den Slums werden neue Wohnviertel hochgezogen, die „Queens Garden“, „Royal Tower“ und „Sunshine Hills“ heißen. Und es sieht aus, als würde niemand daran Anstoß nehmen, dass die Apartments nicht kostengünstig an die Tagelöhner aus den Slums vermietet werden, die den Wohnanlagen weichen müssen.

Ich halte das nicht unbedingt für ein nachahmenswertes Beispiel, bin aber dennoch beeindruckt, wie die Inder mit ihrer Realität umgehen, während wir die Realität entweder dämonisieren oder romantisieren.

Oskar Lafontaine, dem wir von dieser Stelle eine rasche Genesung wünschen, hat vor kurzem während einer Bundestagsdebatte erklärt, die Bundesrepublik erfülle nicht mehr die „Kriterien einer Demokratie“. Zuerst dachte ich, mich verhört zu haben, dann wartete ich darauf, dass sich der Boden unter Oskar Lafontaine auftut und ihn verschluckt, schließlich wäre mir eine kleine Klarstellung recht gewesen: wenn die Bundesrepublik keine Demokratie mehr ist, was ist sie dann? Eine Diktatur der Absteiger? Eine Filiale von IKEA? Eine Wellness-Oase für Hartz-4-Empfänger? Eine Seniorenresidenz mit Direktflügen nach Mallorca? Was Lafontaine vermutlich sagen wollte, war: die materielle Ungleichheit, die in der Bundesrepublik herrscht, hat der Demokratie den Garaus gemacht. Wenn aber die materielle Gleichheit der Maßstab für Demokratie ist, dann müssten Nordkorea und Zimbabwe die demokratischsten Staaten der Welt sein, weil in ihnen eine Armut herrscht, die alle gleich macht – die jeweiligen Machthaber ausgenommen.

Gregor Gysi muss die Inkonsistenz in Lafontaines Worten erkannt haben. Um zu demonstrieren, dass Gleichheit nicht automatisch Armut bedeutet, forderte er auf Wahlplakaten der Linken „Reichtum für alle“, relativierte diese Aussage aber gleichzeitig mit der Gegenforderung „Reichtum besteuern“; wenn aber alle reich sind und alle kräftig besteuert werden, stellt sich egalitäre Armut ein, die Grundlage einer gerechten Gesellschaft im Sinne von Gysi und Lafontaine.

Ja, Deutschland ist schon ein seltsames Land, und das nicht nur, wenn Sie gerade aus Indien kommen. Die deutsche Idealvorstellung von einer Demokratie ist die einer Puppenstube, in der Barbie und Ken Hof halten. Die Puppenstube muss sauber und aufgeräumt sein. Nicht zufällig sind deutsche Hausfrauen noch immer stolz darauf, dass man von ihrem Küchenboden essen kann, obwohl es am Tisch viel bequemer wäre. Es wird sauberer Strom aus erneuerbarer Energie angeboten, auch wenn für den Bau von Windrädern die Landschaft dran glauben muss, und einer der beliebtesten Werbeslogans in den 70er und 80er Jahren hieß: „Nicht nur sauber sondern porentief rein.“ Tatsächlich aber muss es in einer funktionierenden Demokratie zugehen wie in einer Werkstatt, in der rund um die Uhr gearbeitet wird, sagt zu Recht der Schweizer Publizist Frank A. Meyer. Da wird gesägt und gehämmert, geschweißt und gepresst, es ist laut und es kann auch mal stinken.

Zwischendurch muss ausgekehrt und – in der Tat – sauber gemacht werden. Aber die Sauberkeit ist nicht das Ziel sondern nur ein Mittel zum Zweck. Und wann immer ein Skandal die Bundesrepublik erschüttert, wird die Frage nach der Belastbarkeit der Demokratie gestellt. Tatsächlich aber sind Skandale das Schmieröl der Demokratie. Nur in Diktaturen und autoritären Systemen gibt es keine Skandale, weil deren Aufdeckung mit Lebensgefahr verbunden wäre. Hinzu kommt eine unter Staatsdienern weit verbreitete Sentimentalität, vor allem, wenn sie aus dem Amt scheiden müssen. Sie erinnern sich noch an den berühmten Satz von Heide Simonis, nachdem sie dreimal durchgefallen war: „Und was soll aus mir werden?“ Ulla Schmidt hatte Tränen der Trauer in den Augen, als sie sich von ihren Mitarbeitern im Gesundheitsministerium verabschieden musste – nach nur acht Jahren im Amt! Man konnte meinen, Mutter Teresa sei der Status der Gemeinnützigkeit aberkannt und die Seligsprechung widerrufen worden.

Das sind Momente, in denen man die Staatsdiener daran erinnern möchte, dass sie nur DIENER AUF ZEIT und nicht Erben von Latifundien sind. Wir sind nicht nur das Volk, wird sind auch die Arbeitgeber, die von unseren Angestellten erwarten können, dass sie ihren Job ordentlich erledigen. Dafür dürfen sie ihren Dienstwagen auch mal privat benutzen, aber sie sollen uns, bitte schön, mit Sentimentalitäten verschonen und sich vor allem nicht wie kleine Albert Schweitzers aufspielen, die ihre Dahlemer Villa für eine Hütte im Urwald aufgegeben haben.

Noch schlimmer sind nur noch Politiker, die sich als Therapeuten und Bewährungshelfer verstehen. Zu ihnen zählt seit kurzem leider auch der sympathische Ministerpräsident von Brandenburg, Matthias Platzek. Um seine Entscheidung, eine Koalition mit den Erben der SED einzugehen, mit Weihrauch zu vernebeln, erklärte er in einem Essay für den SPIEGEL, es ginge um die Integration der ehemaligen DDR-Kader in das System der Bundesrepublik. Schließlich habe sich auch Adenauer um ehemalige Nazis bemüht und Kurt Schumacher, der Chef der Nachkriegs-SPD, mit ehemaligen Leuten der Waffen-SS geplaudert. Ein paar ehemalige Bürgerrechtler der DDR wunderten sich, grummelten „Wie kann der nur?“ – und das wars. Ein Skandal fand nicht statt.

Zugleich wird in der Bundesrepublik eine absurde Debatte geführt, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Rund die Hälfte der ehemaligen DDR-Bürger meint, sie war es nicht. Aber was war sie dann, wenn kein Unrechtsstaat? Kann es zwischen Rechtsstaat und Unrechtsstaat noch ein drittes geben? So wie der Alkoholismus der Dritte Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus ist? Nein, kann es nicht. Aber das hält die Hälfte der Ossis nicht davon ab, sich ihre DDR schönzureden, sozusagen als Nationalsozialismus mit menschlichem Antlitz, in dem man relativ gut leben konnte, wenn man auf saubere Luft, frisches Gemüse und sichere Privatsphäre keinen Wert legte.

Die Diskussion speist sich aber auch aus einer anderen Quelle: Inbegriff des Unrechtsstaats ist das Dritte Reich: seine Symbole heißen Auschwitz, Endlösung und Kraft durch Freude. Da kann natürlich Bautzen nicht mithalten. Wenn man allerdings Auschwitz zum Maßstab nimmt, hat man keine Maßstäbe mehr, dann ist jede andere Form der Menschen-Verfolgung und Menschenvernichtung nicht ein Kapitalverbrechen, sondern allenfalls ein Vergehen. Deswegen verweisen die Apologeten der DDR immer wieder darauf hin, die DDR sei möglicherweise suboptimal gewesen, aber bei weitem nicht so schlimm wie das Dritte Reich. Was objektiv sicher richtig ist, ansonsten aber so daneben, wie die Aussage, ein Mann, der seine Frau nur einmal pro Woche schlägt, sei nicht so brutal wie einer, der es täglich tut.

Nun aber genug gemeckert, geschimpft und German-bashing getrieben. Jetzt wollen wir auch mal was Gutes über die Deutschen sagen. Sie sind, im Gegensatz zu ihrem Ruf, extrem gutmütig. Die Art, wie sie die Wirtschaftskrise meistern, widerlegt alle Vorurteile. Es hat weder Hamsterkäufe noch panikartige Abhebungen von Sparguthaben gegeben. Das kölsche Motto „Et kütt, wie et kütt“ hat sich offenbar bundesweit durchgesetzt. Sie zeigen auch Phantasie, wenn es darum geht, neue Professionen zu erfinden. Eventmanager, Kommunikationsberater und Freizeitpädagoge sind die Berufe mit Zukunft bei den männlichen Geisteswissenschaftlern, bei den Frauen ist es die alleinerziehende Mutter, die bei Anne Will oder Maybrit Illner darüber klagt, dass sie nicht genug Unterstützung vom Staat bekommt, ohne dass ihr jemand die Frage stellen würde, warum sie nicht den oder die Väter zu Kasse bittet.

Sie lassen sich auch gerne als fremdenfeindlich beschimpfen und gehen auf die Straße, um „gegen Rechts“ zu demonstrieren. Und „Rechts“ sind nicht nur die Skins aus der sächsischen Schweiz und die Neonazis aus der Lausitz, „Rechts“ ist alles, das nicht multikulti ist. Wer z.B. Einwände gegen den Bau von Moscheen erhebt, hat sich automatisch als „Rechts“ geoutet. Wenn dagegen eine linke SA Nacht um Nacht Autos in Berlin abfackelt, dann gilt erstens eine generelle Unschuldsvermutung dahingehend, dass nicht jeder Autonome, der mit Kapuze, Maske und einem Brandbeschleuniger im Brustbeutel unterwegs ist, etwas Verbotenes vorhat, zweitens gibt der Polizeipräsident BMW- und Porschebesitzern den Rat, ihre Autos nicht im Freien zu parken und drittens diskutieren Taz-Redakteure und Taz-Leser miteinander darüber, welche Autos mit welcher Begründung abgefackelt werden dürfen: nur Luxuskarossen oder auch Volkswagen wie Opel Corsa und Fiat Punto?

Die Deutschen sind auch ungemein tolerant. Ein Berliner Verwaltungsgericht hat es einem bekannten Jihadisten erlaubt, seinen Sohn „Jihad“, heiliger Krieg, zu nennen, nachdem sich ein Standesbeamter geweigert hatte, den Namen in die Geburtsurkunde einzutragen. das gleiche Gericht hat eine Berliner Schule verpflichtet, einem moslemischen Schüler einen eigenen Gebetsraum zur Verfügung zu stellen, damit er seine religiösen Pflichten auch während des Unterrichts erfüllen kann.

In Krefeld wird es in diesem Jahr keine Weihnachtsbeleuchtung geben, weil die Werbegemeinschaft der Krefelder Kaufleute entschieden hat: „Religiöse Motive gehören in die eigene Wohnung oder in die Kirche, nicht aber in die Geschäfte.” Im Klartext: Es soll Rücksicht genommen werden auf die religiösen Empfindlichkeiten der Mitbürger mit moslemischen Hintergrund, noch bevor diese ihre Empörung entdeckt und artikuliert haben. Jetzt warten wir geduldig ab, ob die Nachkommen des Propheten die Annahme des Weihnachtsgeldes verweigern werden – weil auch das eine christliche Tradition ist.

Nein, meine Damen und Herren, ein Volk, das sich von Günter Wallraff verarschen, von Carmen Nebel unterhalten und von Greenpeace erpressen lässt, das den Müll trennt und Ablassgeld für Reisen in die Karibik zahlt, ein solches Volk kann nur besser als sein Ruf sein.

Denk ich an Deutschland, bei Tag oder bei Nacht, vernagelt es mir weder den Appetit noch den Schlaf. Denn bald fahre ich wieder nach Indien.

Henryk M. Broder, 25. November 2009

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