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		<title>Susanna Kraus &#8211; Deutschland in seinen Kontrasten</title>
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		<pubDate>Sun, 31 Jan 2010 11:43:10 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
				<category><![CDATA[Allgemein]]></category>
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Neulich in Berlin.
Es ist kurz vor 22:00. Das Gebäude ist groß. Toskanarot und ohne Ecken &#8230; <a href="http://farbwerte.com/2010/01/31/deutschland-in-seinen-kontrasten/" title="Susanna Kraus &#8211; Deutschland in seinen Kontrasten weiterlesen">weiterlesen</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://farbwerte.com/wp-content/uploads/2010/01/MG_1117-Edit-1.jpg" rel="lightbox[2115]"><img class="alignnone size-full wp-image-2114" title="Farbwerte Susanna Kraus IMAGO 1:1" src="http://farbwerte.com/wp-content/uploads/2010/01/MG_1117-Edit-1.jpg" alt="Farbwerte Susanna Kraus IMAGO 1:1" width="660" height="825" /></a></p>
<p>Neulich in Berlin.</p>
<p>Es ist kurz vor 22:00. Das Gebäude ist groß. Toskanarot und ohne Ecken und der Klingelknopf wartet auffordernd. Über ihr summt indiskret die Bewegung der Überwachungskamera. Schon den ganzen Tag jongliert sie Zeiten in ihrem Kopf: „Wenn ich ihn gleich morgens abgebe&#8230; nein, zuerst der Baumarkt, das geht nicht ohne, dann eben abends, obwohl, da ist noch eine Verabredung&#8230; zu spät kommen gilt nicht. Also danach. Polizei muss immer da sein, die haben keine Öffnungszeiten.“ Die kleine Frau hat auch keine. Sie ist unkonzentriert und fahrig. Jetzt soll es sein. Sie wirft einen Blick zurück. Der verschneit Gehweg, durch den sie sich soeben gekämpft hatte.</p>
<p>Die Schaufenster an denen sie sonst immer mit dem Gefühl etwas zu verpassen vorbeifährt. Zu Fuß ist sie viel näher an all den Taschen, Hosen, asiatischen Gewürzen. Kaufen. Wie gerne würde sie. Sie stapft weiter. Kaufen. Die Fantasie an der Realität zurechtstutzen. Es ist 21:45 in Deutschland und sie ist pleite. Abgestandene Gedanken kleben an den Schaufenstern. Ihr Lieblingsladen. Hat sie einen? Das hätte etwas Heimeliges. Zwei mal hat sie hier schon eingekauft: Ein Armband für 7,50 und &#8230; vergessen&#8230; aber es war über 15 Euro. Also doch ihr Laden, bitte! Etwas weiter der Asialaden. Sie erinnert sich, dass sie den Kauf der sechs Polentaschen noch für die Steuer des vergangenen Quartals begründen muss: &#8220;Ordnungshilfematerial für Lagerbestände.&#8221; Mit diesem Gedanken klingelt sie. Finanzamt. Polizei. Alles eins.</p>
<p>Der elektrische Türsummer erwidert ihr Einlassgesuch zu schnell. Sie sieht sich um. Wer hat sie die ganze Zeit beobachtet? Hinter Panzerglas, ein Mannskopf großes rundes Loch, dahinter ein Beamter in grüner Uniform. Grün. Eine alte also. Sie holt Luft, hat ihren Text parat und will loslegen. Der Beamte unterbricht ihren Elan und weist mit großer Geste auf eine Glastür. Dahin! Die Gesten der Macht sind immer groß. Sie reagiert auch prompt und steuert eine Banane kurvend die zweite Tür an.</p>
<p>Sie wuchtet ihre immer schwere Arbeitstasche auf den Tresen und beginnt, nach ihrer Brieftasche zu wühlen. Noch nie ist etwas von leichter Hand aus dieser Tasche gekommen.</p>
<p>&#8220;Ich muss meinen Führerschein abgeben&#8230; ungern!“ Sie setzt ein Lächeln auf. Ein Blickwechsel zwischen den beiden Beamten hinter dem Tresen: Ene mene muh, dran bist du. Die Rechte von den beiden Uniformen, ein jüngerer mittelblonder milchmondgesichtiger Cowboy, nimmt den Fall.</p>
<p>Gefunden! Das dicke unförmige Lederetui sperrt sich förmlich gegen die Herausgabe des grauen Lappens. Ihres geliebten Lappens!. Es ist einer von den ganz Alten. Zögernd gibt sie ihn heraus. Was, wenn sie den gegen einen Hartplastik Chipcard austauschen? Doppelte Bestrafung. Der kleine grüne Cowboy beäugt den Führerschein lange. Viel zu lange und genau so lange, dass die kleine Frau eine hartnäckige Verweigerungshaltung einnimmt. Was, wenn&#8230;?</p>
<p>&#8220;Ihren Personalausweis bitte&#8221;</p>
<p>Stillschweigend schießt sie ihm mit ihrer Rechten den Ausweis über Tresen. Ihre Wutlust sitzt in der rechten Hand. Immer schon.</p>
<p>&#8220;Kann ich bitte den Bescheid sehen?&#8221;</p>
<p>&#8220;Welche Bescheid?&#8221; Dann poltert sie los. Angriff: &#8220;Ich soll den Führerschein abgeben. Hier ist er, den Bescheid hab ich zu Hause.&#8221;</p>
<p>Die Worte prasseln an seiner Uniform ab.</p>
<p>&#8220;Ohne Bescheid geht das nicht. Tut mir leid, ich kann ihn nicht annehmen ohne den dazu gehörigen Bescheid.&#8221;</p>
<p>„Versteh ich nicht, in dem Bescheid steht nix drin, dass ich den Bescheid bei der Abgabe mitbringen soll. Ich muss meinen Führerschein abgeben. Hier ist er!&#8221;</p>
<p>&#8220;Das kann ich nicht annehmen ohne den dazu gehörigen Bescheid, tut mir leid.&#8221;</p>
<p>Das Wort „Bescheid“ schwirrt durch den Raum. Es verliert in den Wiederholungen seine Bedeutung. Zumindest für sie. Nicht aber für den Staatsbeamten. Ohne Bescheid kann der den Führerschein nicht zuordnen. Dafür reicht ihr Name nicht. Ihr Ausweis nicht. Und ihre Anwesenheit erst recht nicht. Er braucht die Nummer auf dem Bescheid. Wenn er die hat, wird er ihr in vier Wochen schriftlich Bescheid geben, wann sie ihn wieder abholen kann.</p>
<p>Sprachlos sieht sie ihn an. Wochen hat sie sich darauf vorbereitet ihren Führerschein abzugeben. Ihr Auto stehen zu lassen. Zu Fuß zu gehen. Auf die motorisierte Freiheit zu verzichten. Sie, ein Autojunkee! Da ist sie ganz deutsch. Ein Auto ist Lebensgefühl. Trotzdem. Sie fasst sich:</p>
<p>&#8220;Ich habe mir das alles ganz genau ausgerechnet. In vier Wochen genau muss ich vereisen. Mit dem Auto und dann brauche ich ihn. Ich muss ihn heute abgeben.&#8221;</p>
<p>&#8220;Es tut mir leid, wie gesagt, da müssen Sie noch mal wieder kommen mit dem Bescheid und Ihrem Führerschein.</p>
<p>&#8220;Hören Sie, ich bin seit heute Morgen um 10:00 am Arbeiten. Ich habe einen Beruf, wo ich ständig Sachen transportieren muss. Das ist so schon alles schwierig genug für mich! Ich bin jetzt direkt nach der Arbeit hierher gekommen um ihn abzugeben. Ich muss ihn heute abgeben!&#8221;</p>
<p>&#8221; Wie gesagt, ich kann ihn ohne den Bescheid nicht annehmen!&#8221; Dann hat sie einen Einfall.</p>
<p>&#8220;Ich kann Ihnen den doch schicken.&#8221;</p>
<p>Der Cowboy wirft einen irritierten Blick zu seinem Kollegen. Aber der sieht beflissentlich weg. Ene meine muh. Sie triumphiert.</p>
<p>&#8220;Nein, noch besser: Ich gehe jetzt nach hause und faxe Ihnen den Bescheid zu, sofort wenn ich zu Hause bin! das dauert fünf Minuten. Und Sie lassen meinen Führerschein so lange hier auf dem Tresen liegen bis Sie den Bescheid haben und  ihn zuordnen können.&#8221;</p>
<p>Stille.</p>
<p>&#8220;Nein, das geht nicht.&#8221;</p>
<p>&#8220;Wieso?&#8221;</p>
<p>&#8220;Ich brauche das Original des Bescheides.&#8221;</p>
<p>Der schweigsame Polizist in seiner Ecke ist verblüfft ob der Wehrhaftigkeit seines Kollegen.</p>
<p>Die kleine Frau weiß, sie hat verloren und zieht ihren Führerschein zu sich heran. Sie verlässt schweigend das Revier.</p>
<p>Sie stampft durch die Kälte. Vorbei an ihrem Laden. In ihr tobt ein ewiger Kampf. Wenn es ihr nur einmal gelänge, Herr über ihre Gefühle zu werden. Sie kann es nicht. Sie hasst sich dafür. Und das mit der Reise war ohnehin gelogen. Fast hatte sie das selber vergessen. Bei diesem Gedanken bessert sich ihre Laune. Zusehends. Und das hält bis zum nächsten Morgen als sie mit dem Bescheid in der Hand durch die nun offene Tür an den Tresen tritt.</p>
<p>Dann erwischt es sie doch.</p>
<p>Als ob die Räume ihre Wut gespeichert hätten. Die Wut über die Ohnmacht zwischen den beiden Seiten des Tresens. Die Wut über die Tatsache, dass sie bestraft werden soll. Dass sie freiwillig kommt, ihre Strafe abzuholen. Die Wut, dass sie gestern gedemütigt wurde. In diesen Räumen. Wieder sind es zwei männliche Polizisten, die Dienst haben. Klar. Der Ältere tritt ihr entgegen. Ihre Rede, eine wütende Predigt.</p>
<p>&#8220;Ich soll meinen Führerschein abgeben. Ich war gestern hier und wollte das tun, aber der Kollege von Ihnen hat ihn nicht angenommen. Weil ich keinen Bescheid dabei hatte. Dabei steht nirgendwo geschrieben, dass ich einen Bescheid mitbringen muss. Und ich habe ihm meine Situation erklärt und ihn gebeten, ihn trotzdem zu nehmen. Ich habe sogar angeboten ich gehe nach Hause und faxe sofort den Bescheid. Aber er hat meinen Führerschein nicht angenommen. Das ist wirklich nicht zu verstehen. Und deshalb möchte ich, dass Sie das gestrige Datum bei der Abgabe vermerken. Ich war gestern hier. Und ich brauche ihn auf alle Fälle in genau vier Wochen wieder. Das habe ich alles mühsam so organisiert, weil ich dann verreise.&#8221; Die Lüge ist zur festen Wahrheit geworden. Sie ist stur. Sie will gewinnen.</p>
<p>Wortlos nimmt der Ältere das Dokument entgegen und schickt sie in den Warteraum. Ist er vorgewarnt worden? Sie setzt sich auf ihren Plastikstuhl und fühlt sich unendlich klein. Haben sie womöglich Mitleid mit ihr? Und wenn schon. Hauptsache, sie hat den Lappen rechtzeitig wieder. Die Tür öffnet sich, das Warten war vergleichsweise kurz.</p>
<p>&#8220;Hier Ihre Quittung über die Abgabe. Wie gesagt, Sie werden dann angeschrieben, wann Sie Ihren Führerschein wieder abholen können.&#8221; Ihr Misstrauen ist groß.</p>
<p>&#8220;Haben Sie vermerkt, dass ich ihn gestern abgegeben habe?&#8221;</p>
<p>&#8220;Sie bekommen Bescheid, schriftlich.&#8221;</p>
<p>&#8220;Also nein, haben Sie natürlich nicht!&#8221; Die Wut sitzt in der rechten Hand. Sie rupft ihm die Papiere aus der Hand und wettert los.</p>
<p>&#8220;Wissen Sie, Sie brauchen sich nicht zu wundern, dass die deutsche Polizei einen so schlechten Ruf genießt. Das ist reine Schikane, was Sie hier machen. Sie gängeln die Menschen, bloß weil sie am längeren Hebel sitzen. Das ist nicht gut! Das macht Wut. Warum wird man als normaler Bürger so behandelt von Ihnen? Ich sage es Ihnen: Bloß weil Sie die Macht haben. Einen anderen Grund gib es nicht! Das ist erniedrigend, wissen Sie das?&#8221; Wieder weiß sie, dass sie verloren hat. Haushoch. Toskanarot.</p>
<p>Stille.</p>
<p>Ein Blick des Älteren trifft sie. Schüchtern, leise, so dass die grüne Uniform hinter dem Mannsgroßen Loch es nicht hören kann, spricht er:</p>
<p>&#8220;Ich hätte ihn gestern genommen. Den Führerschein. Auch ohne Bescheid.&#8221;</p>
<p>Susanna Kraus, Januar 2010</p>
<p>Bildtitel:<br />
Deutschland in seinen Kontrasten<br />
Tryptychon 2010<br />
3 x 60 cm x 200 cm</p>
<p>Unikate auf Silber Gelatine Umkehrpapier<br />
Entstanden in der begehbaren Kamera IMAGO1:1</p>
<p><a href="http://camera-imago.de/" target="_blank">www.camera-imago.com</a></p>
<p><a href="http://www.zeit.de/kultur/kunst/2010-02/selbstbildkamera-imago-2" target="_blank">&#8220;Mach dir dein eigenes Bild&#8221; (Artikel in der ZEIT)</a></p>
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		<title>Boris Hoppek</title>
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		<pubDate>Sat, 17 Oct 2009 10:09:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Redaktion</dc:creator>
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		<description><![CDATA[&#8220;Ich lebe in Spanien und habe gehört, dass die Regierung viel Geld in die Autoindustrie &#8230; <a href="http://farbwerte.com/2009/10/17/boris-hoppek/" title="Boris Hoppek weiterlesen">weiterlesen</a>]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="size-full wp-image-1101 alignleft" title="Boris Hoppek" src="http://farbwerte.com/wp-content/uploads/2009/10/portraid-und-fahne.jpg" alt="Boris Hoppek" width="330" height="458" /><strong>&#8220;Ich lebe in Spanien und habe gehört, dass die Regierung viel Geld in die Autoindustrie pumpt. Sehr viel Geld.</strong></p>
<p><strong>Noch vor kurzem hat die Regierung versucht die Menschen dazu zu bewegen mehr die öffentlichen Verkehrsmittel oder das Fahrrad zu benutzen. Es braucht nur eine kleine Krise und man sieht, was das Wichtigste im deutschen Leben ist.&#8221;</strong></p>
<p><strong>Boris Hoppek, Oktober 2009</strong></p>
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